Verschwunden (Looking for Grethel / Missing)

(Charles Way, 2011, Theater an der Parkaue)

Mit: Birgit Berthold, Helmut Geffke, Paul Maresch, Corinna Mühle

Regie & B├╝hnenbild Sascha Bunge

Kostüme: Katja Schmidt

Dramaturgie: Sascha Willenbacher

Fotos: Christian Brachwitz

Presse: RBB Kulturradio



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...Es schleicht sich ja immer wieder ein unangenehm zynischer, distanzierender Blick auf die so genannten "Unterschichten" in Debatten um Hartz-IV-Regelsätze und Schulmodelle ein. Da sind Innenansichten, wie sie der Brite Charles Way mit "Verschwunden (Looking for Grethel)" vorlegt, für das er den Deutschen Kindertheaterpreis 2010 gewann, die richtige Antwort. Das Stück basiert auf einem realen Fall: 2008 wurde in Nordengland ein Mädchen durch die eigene Stiefmutter und deren Bruder entführt, die aus dem Medieninteresse Kapital schlagen wollten.

Way leuchtet die Psychologie dieses Vorgangs aus. Über Erzähltexte mit szenischen Einsprengseln entwirft er ein visionsloses Milieu voller Kommunikationshemmnisse und allseits diffusem Misstrauen. Der Vater (Helmut Geffke) ist ein arbeitsloser Trinker, die Stiefmutter führt ein knochentrockenes Regime. Die Kinder Hans (Paul Maresch) und Grete vegetieren so stumpf dahin, dass es die Eltern graust: Hans "starrt immer so" und Grete ist ohnehin "wie abwesend", da kann man sie auch wie ein Stück Menschenware fortschaffen.

...Sascha Bunge kreiert aus diesem bittertristen Stoff mit einem Ensemble in Topform einen konzentrierten, glasklaren Erzählabend. Britischer Punkrock erklingt, während auf drei Fernsehern über einer kahlen Mauer Manga-Comics als dunkle Kinderseelenspiegelungen flimmern. Mit bedrückender Wucht schleudert Corinna Mühle die schizophrenen Angstschübe ihrer Grete hervor. Und Birgit Berthold als Schwiegermutter senkt sich schnodderig auf das Nulllevel der Empathie. So schrumpft in einer Welt ohne Kultur die zivisilatorische Kraft des Mitleids. Also: Kultur !

Berliner Zeitung, 22.03.2011 (Christian Rakow)